Abstrakte Fotografie
Begriff / Geschichte / Aktuelle Tendenzen
Begriff
Zwar führte Alvin Langdon Coburn den Begriff der Abstrakten Fotografie bereits 1916 programmatisch ein
(Coburn 1979, Kellein/Lampe 2000). Dennoch blieb, wie Thomas Kellein im Jahr 2000 in seinem Vorwort des
gleichnamigen Katalogs zur bis heute ebenso wegweisenden wie solitären Ausstellung über dieses Thema
feststellte, Abstrakte Fotografie bis in unsere Gegenwart eine „Unterabteilung oder Subgeschichte der Fotografie“,
die nach wie vor ein „kunstgeschichtliches Mauerblümchendasein“ führt (ebd.).
Dieser Umstand mag vor allem darin begründet sein, dass sich Fotografie gemeinhin über ihren Objektbezug
im Sinne einer realitätsgetreuen Abbildung von Gegenständen mittels eines Fotoapparats definiert. Verbindet
man mit diesem dokumentarischen Paradigma den Begriff „abstrakt“ (abgeleitet von lat. abstrahere=
entfernen, in diesem Fall vom Gegenstand), dann ergibt sich unweigerlich ein Widerspruch in sich (Kröner
2011). Denn wie kann ein Medium, das angeblich die Wirklichkeit auf einen Film bzw. eine Speicherkarte
bannt, ungegenständlich, also nicht mehr ein Abbild von etwas Anderem, sondern ein selbstreferenzielles
Bild sein, das nichts darstellt außer sich selbst?
Eine Konsequenz dieser Vorstellung von Fotografie wäre, dass Fotografie bzw. der fotografische Prozess
selbst zum Objekt wird und somit an die Stelle des Abgebildeten tritt. Eine Fotografie ist demnach ein Ding,
das fototechnisch erstellt wurde, und Abstrakte Fotografien zeigen keinen fotografierten Gegenstand, sondern
die formalen Strukturen von Fotografie. Bei Abstrakter Fotografie richtet sich die Aufmerksamkeit des
Betrachters nicht mehr auf die Farben und Formen eines vermeintlichen Objekts, sondern auf die Farben
und Formen der Fotografie selbst. Abstrakte Fotografie verweist also nicht mehr auf etwas Anderes, sondern
macht die Möglichkeiten fotografischen Abbildens sichtbar und steht somit für unterschiedliche Weisen, „wie“
ein Foto zeigen kann, anstatt das „Was“ in den Vordergrund zu stellen, sodass die fotografischen Mittel und
Methoden zum eigentlichen Gegenstand der Fotografie werden. Im Extremfall handelt es sich zwar noch um
Fotografien, aber nicht mehr um (Ab-)Bilder. Fotografie wird dabei im materiellen Sinne genutzt, das Fotopapier
bzw. der Film, die in traditioneller Sicht dreidimensionale Objekte zeigen, verdrängen quasi als realer
Gegenstand das imaginäre Bildobjekt und damit das (Ab-)Bild aus dem Kunstwerk.
In dieser Hinsicht macht die Abstrakte Fotografie dieselbe Entwicklung durch wie die Abstrakte Malerei.
Selbst das Geburtsdatum beider Kunstformen ist nahezu identisch. Und auch die Abstrakte Malerei konnte
die gegenstandsbezogene Malerei keineswegs verdrängen. Vielmehr gibt es bis heute ein Nach- und Nebeneinander
abstrakter sowie gegenständlicher Malstile. Ein grundlegender Unterschied scheint jedoch darin zu
bestehen, dass Abstrakte Fotografie entweder vom Gegenstand ausgeht oder, wie bei den im Folgenden beschriebenen
Formen kameralosen Arbeitens, auf Zufall beruht, wohingegen systematische Kompositionen
aus Farben und Formen der Malerei vorbehalten zu sein scheinen. Abstrakte Fotografie wäre demzufolge im
besten Fall überflüssig weil redundant und sollte sich auf das beschränkten, was sie am Besten kann: ein
möglichst präzises Abbilden von Realität. Sie hat also im Grunde nur dann eine Existenzberechtigung, wenn
sie einen eigenständigen Beitrag zur Geschichte der Abstraktion, eine neue Form von Abstraktion generieren
kann, die mit malerischen Mitteln so nicht leistbar ist.
Geschichte
Bereits in der Frühphase Abstrakter Fotografie Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in radikaler Weise behauptet,
dass man von Abstrakter Fotografie im Grunde nur sprechen kann, wenn man auf Fotoapparate
ganz verzichtet, um allein Lichteinwirkungen auf lichtempfindliche Substanzen festzuhalten (sog. „apparatelose
Fotografie“). So kamen die „Vortographs“ Alvin Langdon Coburns, die „Schadografien“ Christian Schads
oder die „Rayogramme“ Man Rays ohne Kamera aus. Der Produktionsvorgang des Fotos wurde somit reduziert,
wobei es mehrere Möglichkeiten gab:
Beim Cliché Verre (Glasklischeedruck) wird eine Glasplatte bemalt oder mit Ruß o.ä. bestrichen und dann wie
bei einer Kaltnadelradierung eine Zeichnung eingeritzt. Danach dient die Glasplatte als eine Art Negativ, sodass
hier zwar von der Kamera, aber nicht vom Negativ abstrahiert wird.
Beim Fotogramm werden Gegenstände auf das Fotopapier gelegt, die dann bei der Belichtung Spuren in
Form von weißen Schatten hinterlassen, sodass hier selbst auf ein Negativ verzichtet wird.
Das Luminogramm, bei dem Fotopapier direkt mit Licht bearbeitet wird (Lichtgestaltung), verzichtet demgegenüber
nicht nur auf Kamera und Negativ, sondern auch auf Abbildungsgegenstände.
Beim Chemogramm führen Verbindungen von Chemikalien auf lichtempfindlichem Papier schließlich zur Entwicklung
sichtbarer Formen, sodass man quasi eine fixierte Spur eines gesteuerten Zusammenwirkens von
Licht und lichtempfindlichem Material erhält.
Nach 1930 bildeten sich im Wesentlichen zwei Richtungen Abstrakter Fotografie heraus: eine konstruktivistische
und eine surrealistische. So gab es an Moholy-Nagys „New Bauhaus“ in Chicago ab 1937 ein eigenes
Labor für Lichtgestaltung, an dem vor allem Luminogramme und inszenierte Bilder in der Tradition konstruktivistischer
Bildvorstellungen als freie Kompositionen geo- bzw. stereometrischer Grundformen entstanden.
Parallel zur Dominanz Abstrakter Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg gab es auch eine Renaissance konstruktivistischer
Fotokunst sowie biomorpher bzw. gestischer Fotoabstraktionen, die jedoch mit dem Siegeszug
der Pop Art weitgehend zum Erliegen kam.
Aktuelle Tendenzen
Trotz der Vielfalt heutiger Positionen Abstrakter Fotografie ist grundsätzlich zwischen eher konzeptuellen Ansätzen,
die primär ihre eigenen Entstehungsbedingungen bzw. den „Prozess der Bilderzeugung“ (Kröner
2011) reflektieren und insofern so etwas wie „fotografische Grundlagenforschung“ betreiben, sowie eher ästhetisch
orientierten Ansätzen, bei denen eine Umsetzung und Weiterentwicklung des klassischen Verständnisses
abstrakter Malerei mit Hilfe unterschiedlichster fotografischer Mittel im Vordergrund steht, zu unterscheiden.
Letztere verstehen sich selbst als Fotografische Malerei bzw. Piktorale Fotografie (Messner 2010),
die sich zwar hinsichtlich ihres Konzeptes nicht grundlegend von Abstrakter Malerei unterscheidet, die aufgrund
ihrer spezifisch fotografischen Methoden sowie der Konsequenz ihrer Vorgehensweise aber durchaus
für sich geltend macht, eine einzigartige und mit malerischen Mitteln nicht leistbare Form Neuer Abstraktion
zu kreieren.
Demgegenüber fällt bei den beiden wohl bekanntesten Vertretern Abstrakter Fotografie der Gegenwart,
Thomas Ruff und Wolfgang Tillmans, zunächst auf, dass sie sich nicht auf Abstrakte Fotografie und eine bestimmte
Stilrichtung festlegen lassen. Vielmehr fragen sie auf einer theoretisch-konzeptuellen Ebene nach
dem Wahrheitsgehalt von Fotografie bzw. des Bildes an sich und bearbeiten dieses Thema systematisch in
Form von Bildserien, die in ihrer Gesamtheit nicht zwischen gegenständlich und abstrakt unterscheiden
(Kröner 2011) – darin wiederum der postmodernen Malerei eines Gerhard Richter verwandt.
Der Ansatz Ruffs ist demzufolge von einer „Offenheit in der Verwendung unterschiedlichster Quellen, fotografischer
Anregungen, Ausgangsmaterialien und Verarbeitungsweisen [ge]kennzeichnet“ (ebd.). Der Ausgangspunkt
seiner „Substrat-Bilder“ sind beispielsweise „Manga-Comics“, die am Computer so lange in ihre
gepixelten Einzelteile zerlegt wurden, bis aus dem ursprünglich banalen Motiv Ströme ineinander verschwimmender
Farben entstanden, die das „Substrat“ des Bildes offenbaren. Und auch mit seinen „Neuen
jpgs“ thematisiert Ruff digitale Bildverarbeitung und -übermittlung (ebd.).
Ganz ähnlich gestaltet sich Wolfgang Tillmans aktuelle Hinwendung zur Abstrakten Fotografie, die von Kröner
als „naturwissenschaftlich“ wie „auch bildwissenschaftlich motivierte fotografische Spurensuche“ charakterisiert
wird (ebd.). Wie die oben beschriebenen kameralosen Verfahren entstehen seine Arbeiten als direkte
Belichtungen von Fotopapier oder betonen wie die „Lighter“-Serie den Objektcharakter von Fotografie, indem
monochrome Fotoabzüge gefaltet in einer Plexiglasbox präsentiert werden (ebd.).
Literatur
Coburn, A.L.: Die Zukunft der bildmäßigen Fotografie. In: Kemp, W. (Hg.): Theorie der Fotografie, 1979.
Jäger, G. (Hg.): Die Kunst der abstrakten Fotografie, 2002.
Jäger, G. u.a.: Konkrete Fotografie, 2005.
Kellein, T., Lampe, A. (Hg.): Abstrakte Fotografie, 2000.
Kröner, M.: Form, Fragment, Formation. Aktuelle Tendenzen der Abstrakten Fotografie. In: Kunstforum International,
Bd. 206: Neue Abstraktion, 2011.
Messner, F.: Piktorale Fotografie. In: Kirk Sora: cosmonauts paradise, 2010.
Messner, F.: Abstrakte Fotografie. In: Abstrakte Fotografie, 2011.
Rudolf, A.: Simulacrum. In: Jeremy Lynch: Ghosts of Cairo, 2011.
quelle: Dr. Ferdinand Messner M.A.